Reine Männersache


Das Männerchor-Projekt des HSB beim Chorfest Frankfurt 2012 des DCV

 

Samstag, 9. Juni, 15 Uhr. Keine leichte Sache, sich durch so viele Menschen auf dem Frankfurter Römerberg einen Weg zur Bühne zu bahnen. Bei strahlendem Sonnenschein sitze ich schließlich hier und blicke auf die eindrucksvolle Kulisse von geschätzten 7000 Menschen. Rund 1500 davon tragen leuchtend orange-farbige Baseballcaps (Anm. d. Red.: sponsort by HDI-Gerling), unter denen erwartungsvoll strahlende Gesichter hervorblicken. Ansteckend gute Laune ist programmiert. Es sind alles Männer, die sich nach Stimmgruppen getrennt zu einem Highlight für Männerchöre zusammengefunden haben - dem vom Hessischen Sängerbund veranstalteten Offenen Singen beim Deutschen Chorfest in Frankfurt.

 

Erster Applaus brandet mit dem Aufmarsch der Bühnenchöre auf. Es sind die "Liedertafel" der kleinen Chöre aus Freiendiez und Niederzeuzheim und die "Harmonie" Lindenholzhausen, deren Leiter - Jürgen Faßbender und Jan Schumacher - sich an diesem Tag als ebenso wortgewandte wie humorvolle Dompteure der Massen betätigen. Claus Peter Blaschke begrüßt als Präsident des Hessischen Sängerbundes kurz die Teilnehmer, "denn auf einem Chorfest soll gesungen und nicht geredet werden", und freut sich ansonsten, mitsingen zu dürfen.

 

Los geht's richtungweisend mit "Frisch gesungen" von Friedrich Silcher, dem Jan Schumacher mit einem Schuss Ironie ein "Alles Gute" voranschickt. Doch jeglicher Zweifel an der Durchführbarkeit eines solchen Singens verfliegt schon nach wenigen Takten, denn es zeigt sich, dass die singenden Männer auf dem Römerberg wohl präpariert sind und das Einüben der zehn vorgesehen Stücke aus dem neuen, in Zusammenarbeit mit dem Musikverlag C. F. Peters extra für dieses Event erstellten Liederbuchs "Reine Männersache!" mit allem Ernst betrieben haben:

 

Keine Spur von einem letzten Aufbäumen der Männerchöre oder gar einer "Götterdämmerung", wie sie von manchem Kritiker geunkt worden ist. Im Gegenteil - die gern als "aussterbend" apostrophierte Gattung Männerchor erweist sich, zumindest an diesem Tag, als überaus agil und musikalisch versiert: Neben der sicheren Intonation kann bei den Vorträgen selbst die Aussprache mit weggenommenen Endsilben und deutlich hörbaren Endkonsonanten überzeugen. Nur mit der Dynamik ist Schumacher nicht ganz zufrieden: "Wer Zeit hat", ruft er den Sängern einmal mitten im Lied zu, "kann ja mal rausgucken". 1500 gleichzeitig nach oben gehende, mit Kappen bedeckte Köpfe wirken dann allerdings so umwerfend komisch, dass er vor Lachen abbrechen muss.

 

Mit dem "lieben Augustin" von Lorenz Maierhofer hat sich Jürgen Fassbender - dessen Idee das Offene Singen war - vorgenommen, die rhythmischen Qualitäten der Sänger auszutesten. Zeigen die Bühnenchöre und insbesondere deren Rapper sich dem Stück vollauf gewachsen, so lässt die mit Elementen aus der Pop-Literatur bestückte Komposition die Sänger vor der Bühne an ihre Grenzen stoßen. Wie erlösend wirkt danach Franz Schuberts "Im Abendrot". Deutlich ist zu spüren, dass sich die Männer hier wieder auf gewohntem Terrain befinden und willig Faßbenders intensiver Gestaltung folgen. Ebenso gelingt "Aus der Traube in die Tonne" von Kurt Lißmann. Als hätten alle seit Wochen nur auf die eine Stelle "und sie werden wieder Wein" hingefiebert, bringt dieser Klassiker der Männerchorliteratur den Römer im Fortefortissimo beinahe zum Beben und erntet entsprechend begeisterten Applaus.

 

"Fever" im Arrangement von Robert Sund fordert dagegen einige choreographische und lautmalerische Details, die von den Chorsängern geradezu "sensationell" (Schumacher) umgesetzt werden: Schweiß von der Stirn wischen, mit den Noten wedeln, (kontrolliertes) Hin- und Herschwingen, bei dem wohl im Eifer des Gefechts noch Rechts mit Links verwechselt wird.

Ein weiterer Höhepunkt ist zweifellos die "Untreue" von Friedrich Silcher. Wie sehr lieben alle dieses Stück! Auch viele Frauen können sich jetzt nicht mehr zurückhalten und singen mit. Die Zuhörer sind überwältigt und zeigen sich berührt. "Herrlich", raunt es neben mir und "wunderschön gesungen" zollt auch Faßbender den Singenden Respekt.

 

Wer sich durch die vielen positiven Eindrücke dazu verleiten lässt, selbst augenzwinkernd antiquierte Sprüche à la "Die größte Wohltat für das Ohr ist und bleibt ein Männerchor" zu machen, erntet umgehenden Protest, nicht nur von Seiten des weiblichen Publikums. Letzteres ist jedoch völlig angetan und vielleicht auch ein klein wenig neidisch auf diese mächtige Demonstration männlicher Klangfülle: Gleich zwei Mal höre ich jedenfalls nach der am Ende heftig geforderten Zugabe von offensichtlichen Chorsängerinnen in meiner Umgebung die Bemerkung: "Und das nächste Mal machen wir das mit Frauenchor!"

 

Bericht: U. Henkhaus