Tag der Frauenstimme 2012

 

Weiterbilden - Singen - Zuhören – Mitmachen


Wichtige Impulse für die Frauenchorbewegung

 

Hessen hat nicht nur gute Männerchöre, auch die Frauenchöre in der Chorlandschaft können sich hören und sehen lassen. Der "Tag der Frauenstimme" ist inzwischen im Umfeld des HSB zu einem Aushängeschild geworden.

"Auf nach Fulda!" hieß der Aufruf der Gastgeber. Und viele singende Frauen kamen. Denn die Barockstadt mit ihrem einzigartigen Ambiente bietet sich geradzu dafür an. Der imposante Dom und die malerische Altstadt locken allein schon viele Besucher jährlich in die Stadt. Aber am 14. und 15. September 2012 war noch mehr Leben in der barocken Perle der Rhön. Der Hessische Sängerbund hatte in Zusammenarbeit mit dem Fulda-Rhön-Sängerbund dafür gesorgt.

Wenn Monika Beyrow, die 1. Vorsitzende des gastgebenden Fulda-Rhön-Sängerbundes, in einem Grußwort noch einmal an das großartige Chorfest des DCV in Frankfurt erinnerte und dabei die Präsentationsveranstaltung des HSB "Reine Männersache!" hervorhob, so war dieses Mal in einem anderen Rahmen "Reine Frauensache" angesagt.


Erlebnisreich war der "Tag der Frauenstimme" allemal. Dank der umsichtigen Vorplanung der Frauenreferentin des HSB, Andrea Hermes-Neumann im steten Miteinander mit dem Gastgeber, konnte man erfahren, dass die Vielfalt des Chorgesanges in der veränderten Gesellschaft auch durch den Frauenchor im qualitativen Sinne merklich bereichert worden ist. Kurz: wichtige Impulse gingen für die Frauenchorbewegung von Fulda aus, wozu auch poppige Kompositionen und die dazugehörige Darstellung gehörten.


Nach den zum Teil ausgebuchten Workshops war beim "Präsenta(k)tionssingen" in Fuldas "Neuer Mitte", dem Universitätsplatz,vor allem die unterhaltende Literatur gefragt. Die Frauenchorklänge mit einigen facettenreichen Beiträgen begeisterten vor den vielen Zuhörern in wunderschöner Kulisse. Dabei stellte sich auch der eigens zu diesem Anlass gegründete Frauen-Projektchor aus zehn Frauenchören der Region unter der Leitung des Kreis-Chorleiters Thorsten Pirkl vor. Uwe Henkhaus, der auch das offene Singen leitete, hatte Gelegenheit, seinen einfallsreichen Satz des "Vetter Michel" selbst zu dirigieren. Der Beifall war groß. Sicher hätte man beim Nachmittagsprogramm gern auch Chöre aus den sogenannten Sängerhochburgen des Landes gehört. Aber oft liegt es an Terminüberschneidungen.


Dennoch wurde der "Tag der Frauenstimme 2012" zu einem Erfolg, wozu nicht nur die angebotenen Veranstaltungen beitrugen, auch die gute Organisation sowie die besondere Atmosphäre dieser Stadt und das Wetter waren damit eingebunden.



Workshop I "Atem - Energie für die Stimme"
Stimmbildung mit Hans-Peter Bendt



Workshop II "Chor aktuell - Frauenchor"
mit Katrin Wende-Ehmer



Das persönliches Resümee einer Teilnehmerin


Den Workshop II fand ich persönlich sehr gut und lehrreich, wenn auch eventuell für einige Teilnehmerinnen etwas anspruchsvoll. Frau Wende-Ehmer stellte sich vor und erzählte uns, dass sie aus München komme und dort sowohl musikpädagogisch in Schulen, aber auch als Chorleiterin tätig sei.


Sie bat dann darum, uns stimmenmäßig zu setzen, damit sie besser mit uns arbeiten könne. Wir begannen zunächst mit Einsingübungen in Form von Atemtechnik. Dann folgten Lockerungsübungen. Frau Wende-Ehmer teilte dann allen Teilnehmerinnen eine Broschüre aus und begann, daraus verschiedene Musikstücke zu erklären und anzusingen. Als Erstes übten wir einen Kanon ein. Sie erläuterte nun die Unterschiede in Takt und Rhythmus zwischen Volksliedern, kirchlich geprägten Liedern, Gospels, auch fremdsprachlichen Liedern und Gesangsstücken. Wir übten, uns beim Singen gleichzeitig im Rhythmus der Musik zu bewegen. Dies werde derzeit bei Chorauftritten viel praktiziert. Dadurch könne das Publikum gut mit einbezogen werden und gehe begeistert mit. Die zwei Stunden waren im Nu vorbei.


Aus meiner Sicht war der Workshop II gut und gelungen. Frau Wende-Ehmer erklärte ausführlich und verständlich. Man musste gut aufpassen und konnte doch einiges mit nach Hause nehmen. Die Broschüre, aus der wir die Gesangsübungen entnahmen, war offenbar extra für den Tag der Frauenstimme gedruckt worden. Die geübten Musikstücke stammten aus dem Chorbuch: Chor aktuell Frauenstimmen BE 2498.


Für mich persönlich war es ein wunderschönes Wochenende und ich würde mich freuen, nächstes Jahr wieder einen "Tag der Frauenstimme" zu erleben. - Danke, Andrea Hermes-Neumann, Danke Monika Beyrow und dem Sängerkreis Fulda-Rhön, Danke vor allem auch dem Hessischen Sängerbund für alles.

Das Resümee der Teilnehmerin Hannelore Knöll



Workshop III "Wege zu neuer Musik"
mit Katrin Ferenz

 

Experiment mit Neugier

 

Wie so oft im Leben spielt der Zufall eine Rolle. Jedenfalls betrachte ich es als glückliche Fügung, anlässlich des Tages der Frauenstimme in Fulda am Workshop III unter der hochprofessionellen Leitung von Katrin Ferenz teilgenommen zu haben.

Offensichtlich hat der Titel "Wege zur neuen Musik" viele Chorsängerinnen abgeschreckt. Denn wir waren eine sehr kleine, ja geradezu exklusive Gruppe, mit 16 Teilnehmerinnen. Sozusagen ein Kammerchor. Und hatten zudem noch das Glück mit Katrin in einer wunderbaren Lokalität arbeiten zu dürfen, nämlich im Probensaal des Domchores, der einem Amphitheater ähnelt und mit einer eben solchen Akustik gesegnet ist. Wie sich schnell herausstellte, geradezu ideal als Resonanzboden für die von uns produzierten neuen Klänge.

Ja, was wir denn alle eigentlich unter Neuer Musik verstehen? Katrin Ferenz bat uns schriftlich zu einem Kommentar, auf Kärtchen, die in der späteren Performance wieder eingesetzt wurden. Mit einer handfesten Gymnastik, mit Rumpfbeugen, die vor allem die Zwischenrippenmuskulatur stärken sollte und meinen verzweifelten Versuchen, ruhig auf einem Bein zu stehen, wurden wir für das erste Klangexperiment vorbereitet.

Jawohl, Experiment - so ließe sich der ganze Workshop beschreiben. Es ging um neue Töne und Klangempfindungen, um freies Interpretieren von Motiven aus Lauten und Geräuschen, im vorgegebenen Rhythmus und zu Collagen vereinigt. Was es dazu brauchte: Neugier und die Freude an Unkonventionellem. Wenn man bedenkt, dass wir uns alle gar nicht kannten, hat das dank der einfühlsamen Regie von Katrin Ferenz, einer gefragten Stimmbildnerin und Dozentin für Chor- und Ensemblearbeit in Würzburg, ganz hervorragend funktioniert. Die Gruppe verstand sich auf Anhieb.


Wir sangen die dorische Tonleiter rauf und runter auf la, lu oder li und bewegten uns dabei frei im Raum. Dabei entwickelte sich eine unglaubliche Klangfülle und Klangharmonie. Anschließend sollte jeder für sich an bestimmten Stellen den Ton verdoppeln oder verdreifachen und dann wieder weiter singen. Gar nicht so einfach wie es klingt. Oder wir wandelten das Spiel der "Stillen Post" ab, indem wir einen Kreis bildend der Nachbarin neue Ton-Silben ins Ohr flöteten, die dann von allen aufgegriffen wurden, solange, bis jemand wieder einen neuen Vorschlag einbrachte.

Den Höhepunkt schließlich bildete die Einstudierung eines " Geräuschstückes".
Es handelt sich dabei um " Das alte Schloss" von Hermann Rechberger, einem gebürtigen Österreicher, der seit 1970 in Finnland als Musiker, Komponist und Grafiker lebt. Das Stück liegt nicht in der üblichen Notation vor, sondern, wie zuweilen bei zeitgenössischer Musik, grafisch dargestellt, mit langen oder kurzen Strichen, Kreisen, Punkten und Spiralen integriert in Zeiteinheiten, die spielerisch mit Geräuschen und Klängen, mit Flüstern und Lachen, Piepsen und Kieksen, Zischen und Säuseln interpretiert werden. In den drei Gruppen Alt, Mezzo und Sopran und zeitlich konkret dirigiert von Katrin geht es darum, Energien frei zu setzen, sich etwa das "Alte Schloss" als unheimliches Gemäuer vorzustellen, wo ein Schlossgespenst lebt, das Menschen erschreckt. 


Den Abschluss bildete eine kleine Performance, bei der jede für genau 45 Sekunden als Solist auftritt, wohldosiert und klug strukturiert versteht sich. Katrin hatte wie bei einem Kartenspiel Karten verteilt, die jedem sein "Werk" per Handlungsanweisung zuteilten, und die Freiheit ließ, es so oder so zu interpretieren, frei zu improvisieren.


Und alle haben mitgemacht, mit dem größten Vergnügen unter Gigger und Gagga und herzlichem Lachen.
Kompliment an Katrin Ferenz - selten vergingen drei Arbeitsstunden so schnell und gleichsam unbemerkt. Aber auch sie war begeistert vom Engagement dieser zufällig zusammengewürfelten Frauentruppe, die so einfach und so wunderbar harmonierte. 



Fazit: Experiment gelungen.

 

Brigitte Hutz

 

 

 

Workshop IV "JUST SING IT"
Berühmtes mit Carsten Gerlitz

 

Just sing it!

 

Der Tag der Frauenstimme in Fulda! Als wir vor einem Jahr die Anzeige im Hessischen Chorspiegel gelesen haben, war für uns klar. Wir sind dabei! Wir sind Sweet Viala, ein Acappella-Ensemble mit ausschließlich Frauenpower. Der Tag der Frauenstimme ist also "Unser" Tag. Angefangen mit 6 Frauen singen wir seit zehn Jahren mit inzwischen 11 Sängerinnen und gehören als Untergruppe zum GrimmMischChor aus Steinau an der Straße, der Märchenstadt der Brüder Grimm.

 

Carsten Gerlitz hat vor einem Jahr mit dem GrimmMischChor einen Workshop in Bad Hersfeld gestaltet. Wir waren so begeistert von seiner Art Chormusik zu präsentieren, dass wir uns spontan für seinen Workshop "Just sing ist" in Fulda entschieden haben. Mit Sweet Viala haben wir bereits etliche Stücke aus seiner Arrangeursfeder einstudiert und sind immer wieder gefangen von seinen Kompositionen.

 

"Just sing it" ist nicht nur Motto des Workshops in Fulda gewesen. Kaum hat Gerlitz, als Hahn im Korb unter all den Frauen, die Veranstaltung mit ca 80 weiblichen Teilnehmerinnen eröffnet, gings auch schon los. "Westerland" von den Ärzten stand auf dem Programm. Mit dem Nachsprechen des Textes vermittelt Gerlitz den Rhythmus des Stückes. Und nicht nur alle 11 Sweet Viala-Frauen sondern alle weiblichen Teilnehmerinnen haben mit viel Engangement gearbeitet. Gerlitz macht immer wieder deutlich, dass der Rhythmus in der Popmusik und die Aussprache bzw das Interpretieren der Texte entscheidend sind, um den Unterschied zur weltlichen oder klassischen Literatur auszumachen. Der Berliner ist im Workshop kaum auf Töne eingegangen. Meist haben die Teilnehmerinnen sich selbst in ihren Stimmgruppen spontan in die Intonation gefunden, so dass "Westerland" immer poppiger und voller klang. Ein Schlaflied aus Carsten Gerlitz Buch "The Women`s Choirbook" , "Sleep my Darlin`" begeisterte die Workshopteilnehmerinnen durch die harmonischen und leisen Töne des Arrangements. Spätestens beim Erklingen von Paulchen Panthers " wer hat an der Uhr gedreht" ist jede von uns Frauen restlos begeistert wie schnell und spannend Gerlitz Popmusik vermittelt. Die gesprochenen Texte machen die Technik der Arrangements deutlich. Synkopen werden spielerisch einstudiert.

 

Als Fazit gilt, dass drei Stunden Workshop mit diesem interessanten Chorleiter viel zu wenig Zeit sind. Mit Sweet Viala werden wir die Arrangements sicherlich bei Herrn Gerlitz nachbestellen und somit mit der Musik immer an den spannenden Vormittag zum Tag der Frauenstimme denken. Im nächsten Jahr geniessen wir elf Frauen ein weiteres Zusammentreffen mit Carsten Gerlitz, der in Berlin mit seinen Happy Disharmonists und dem GrimmMischChor gemeinsam ein Konzert gibt. Und auch hier wird Gerlitz sicherlich dem Motto treu bleiben "Just sing it".

 

Kerstin Priemer
Sweet Viala

 

 

Abschlusskonzert mit canta filia zum Tag der Frauenstimme - Meine Eindrücke


Betörende Verführung schwarzer Engel


Der Flyer des Hessischen Sängerbundes hatte nicht zu viel versprochen: Das Vokalensemble canta filia bot Hörgenuss der außergewöhnlichen Art. Auch für meine, eher von der Oper verwöhnten Ohren, stellte dieses Konzert nicht nur den herrlichen Abschluss des insgesamt sehr gut gelungenen und professionell auf die Beine gestellten Tages der Frauenstimme dar, sondern - man möge mir meine Begeisterung verzeihen, schenkte eine kleine Sternstunde. Entwickelte sich doch ein vielfältiger melodischer Bogen aus der Verflechtung von antiken und mittelalterlichen gregorianischen Harmonien, barocken Klangstrukturen und zeitgenössischen, für manches Ohr ungewohnt neuen Klängen. Und so bestätigte sich wieder einmal aufs Schönste der Satz des schottischen Essayisten und Historikers Thomas Carlyle: "Musik wird treffend auch als Sprache der Engel bezeichnet."


Gemessenen Schrittes positionierten sich die acht schwarz gewandeten Sängerinnen der 1992 von Barbara Grohmann-Kraaz gegründeten Frauenvokalgruppe hinter dem Altar und entführten mit dem Delphischen Hymnus in eine andere Welt, zu der auch die mystisch-sakralen Mittelaltergesänge der Hildegard von Bingen eine spezielle Harmonie bildeten. Traumhafte Intonation unter der diskreten Führung von Grohmann-Kraaz bei den Liedern aus Renaissance und Barock von Johann Hermann Schein, Giaches de Wert und Valentin Hausmann. Selten hat man die Nachtigall so jubelnd den Sommer begrüßen hören. Aber es waren nicht nur die glockenklaren Stimmen, die die vollbesetzte Kirche mit ihrer zudem ausgezeichneten Akustik gleichsam in Bann hielten. Der Perkussionist Sebastian Gokus kontrastierte die alten Gesänge mit zeitgenössischen Marimabaklängen etwa mit Rotation IV von Eric Sammut oder der wirbelnden Ghanaia von Matthias Schmidt.


Der Marimazauber entfaltete sich dann vollends im Zusammengehen mit den Solistinnen beim Höhepunkt des Konzertes, dem Hohelied des Salomon aus dem Alten Testament, das von dem französischen Komponisten und Titular Organisten an Notre Dame in Paris, Jean Pierre Leguay, 1989/90 komponiert und zu den 900 Jahr-Feiern der Geburt des heiligen Bernhard von Clairvaux uraufgeführt wurde. Canta filia übernahm die deutsche Erstaufführung 1997 in einem Konzert in der St. Andreas-Kirche in Köln. Keine leichte Kost, aber in der exzellenten Darbietung und dank der Übersetzung des poetischen Textes, ein Genuss.


Leise Schauer rieselten den Rücken herunter - so betörend klangschön interpretierten die acht Damen den Abschlussgesang von "Abend wird es wieder", vortrefflich arrangiert von Uwe Henkhaus, dem Musikwissenschaftler, Komponisten und Dozenten an der Marburger Chorleiterschule. Die Disziplin und die meisterlich ausgefeilte Klangraffinesse dieses Frauenensembles machen neugierig auf mehr. Bewegt sich diese bereits mehrfach auf internationalen Wettbewerben ausgezeichnete Gruppe doch über ihr Stammrepertoire hinaus auch in den Bereichen weltlicher Popularmusik rund um Musical, Barbershop und Revue.


Brigitte Hutz