Der Neeber-Schuler-Chor:

Botschafter europäischer Musik in Argentinien

 

23 2 Neber Schuler Chor IMG 20161023 WA0001Wenn einer eine Reise macht, dann kann er was erleben. Wenn gleich 35 gemeinsam auf Reisen gehen, dann gibt es nicht nur was zu erzählen, es gibt auch was auf die Ohren. Am 14. Oktober um 17 Uhr fand sich ein Teil des Neeber-Schuler-Chors aus Frankfurt am Frankfurter Flughafen ein, um einen lang gehegten Traum der Vorstandsmitglieder Luis Segura und Lars Goebel in die Tat umzusetzen: eine Chorreise in das Land des Tango, des Asado und des Corazón – Argentinien. Anderthalb Jahre Vorbereitung flossen in der Reise, die aber zumindest für Luis nicht eine Reise ins Ungewisse sein würde, denn er wurde hier geboren und wuchs hier teilweise auch auf. Dieser nicht zu unterschätzende Vorteil und auch die Tatsache, dass er ein engmaschiges Netzwerk an Kontakten in Argentinien besitzt, ließ den Teilnehmern schnell klar werden, dass auf die eine oder andere Weise diese Reise ein Erfolg werden würde.

 

Der Chor hatte jeweils ein geistliches und ein weltliches Programm im Gepäck, das – je nach Bedarf und Auftritt − variiert werden konnte. Bei insgesamt zwölf kleineren und größeren Konzerten machte die Gruppe unter Leitung von Dr. Helmut Bartel davon auch reichlich Gebrauch. „Musik aus Europa“ war die Botschaft der Reise und umfasste viele deutsche Komponisten, wie Schubert, Mendelssohn Bartholdy, Mozart und Brahms. Ein sehr rundes Repertoire an alten Volksliedern wie „die Loreley“ und alten Weisen formte den weltlichen Teil, der geistliche Teil umfasste Stücke aus Österreich, Frankreich, Estland, Ungarn, Polen und Dänemark. Da etwas argentinisches Feuer im Land der Rhythmen auch nicht fehlen durfte, wurden ein paar argentinische Tangos eingeübt, die der Chor gemeinsam mit einem lokalen Tangochor in Buenos Aires aufführte.

 

Es sollte eine Reise voller Kontraste werden. Nicht nur in Bezug auf die musikalische Auswahl oder die der Auftrittsstätten, die von Altenheimen über Kirchen hin zu einem ausgewaschenen Gestein, dem „Amphiteatro“, reichten. Arm und Reich, dicht besiedelte Gebiete und weite Felder, Regenwald, Steppe und gemäßigte Zone: Dem Chor entfaltete sich ein diverses Land, das mit modernen Weinanbaugebieten, einer gut funktionierenden Infrastruktur, faszinierenden Gebirgsketten und auch manch vergangenem Ruhm aufwartete – gerade Letzteres offenbarte sich in der Zwölf-Millionen-Metropole Buenos Aires, dem Ausgangspunkt der Reise. Ein Höhepunkt dieser Station: der Besuch des altehrwürdigen Teatro Colón, wo seinerzeit schon die große Callas oder Placido Domingo Konzerte geben durften. Hier hatte auch der Neeber-Schuler-Chor einen kurzen Gastauftritt, wenn auch nicht auf der Hauptbühne, denn diese war gerade für eine Licht-Stellprobe gesperrt. Aber: Auch im kleinen Saal zückten viele andere Touristen ihre Handys, um dieses außergewöhnliche Treiben in Bild und Ton festzuhalten. Ein Szenario, das sich im Laufe der Reise mehrfach wiederholen sollte. Neben weiteren größeren Konzerten in Kirchen in Mendoza, Salta oder Eldorado waren es vor allem die kleinen und sehr intimen Auftritte, die diese Reise besonders machten: In den Altenheimen der evangelischen Gemeinde in Eldorado beispielsweise, wo es hinterher ausreichend Zeit für einen Plausch mit den deutschsprachigen Bewohnern gab; im „Amphiteatro“, wo Papageien über den Köpfen der Sängerinnen und Sänger hinwegschwebten; im Weingut „Salentein“, das einen imposant ausgebauten Keller aufweist und wo bereits andere Konzerte abgehalten wurden.

 

Doch da der Mensch nicht vom Gesang allein leben kann, hatte sich Luis Segura für die 35 Teilnehmer ein buntes und abwechslungsreiches Programm ausgedacht, das von Führungen und Weinverkostungen hin zu Abenden mit Tango und Folklore reichte. Es ging an oder über die Grenzen zu Paraguay und Brasilien, durch mondlandschaftsartige Gesteinsformationen hin zu den Wasserfällen von Iguazú, dem UNESCO-Welterbe mit über 200 verschiedenen großen und kleinen Wasserfällen. Hier sang der Chor ausnahmsweise nicht, was aber angesichts der vorbeirauschenden Wassermassen auch kein Drama war; den Kampf gegen den Geräuschpegel hätte der Chor ohnehin nur temporär gewonnen.

 

Garniert wurde die Reise – natürlich – mit jeder Menge gutem Essen, und es muss an dieser Stelle gesagt werden: Vegetarier kommen in Argentinien nur halb auf ihre Kosten. Denn keiner grillt oder brät so gekonnt Steaks wie die Gauchos.

 

Bemerkenswert am Trip auf die andere Seite der Weltkugel war vor allem: a) keiner ging verloren; b) nur ein Gepäckstück verirrte sich leicht und fand sich bei der rechtmäßigen Besitzerin einen halben Tag später ein; c) der Chor präsentierte sich stets wie eine Einheit. So unterschiedlich die Charaktere sind und so unterschiedlich deren Befindlichkeiten auch sein mögen – wenn der Einzug der Sängerinnen und Sänger beginnt, wenn die schwarzen Notenmappen in den Händen ruhen und wenn Chorleiter Dr. Helmut Bartel seine Stimmgabel kurz anschlägt und sich ans Ohr hält, dann ist es völlig egal, was zuvor passiert sein mag. Dann zählt nur noch das Ergebnis: eine wohltuende, fein abgestimmte und immer wieder bezaubernde Melange von unterschiedlichen Stimmen.

 

Text und Bild: Mike Marklove