Keine Süße, nur Kraft und Herrlichkeit

Chor Cantamus und Organistin Marina Sagorski in der Bonifatiuskirche mit Jubel gefeiert

 

24 2 Cantamus Gießen Weihnachtskonzert Gotthard Nauditt webEinen weiteren großen Erfolg konnte der Chor Cantamus Gießen unter Leitung von Axel Pfeiffer am Sonntag bei seinem Weihnachtskonzert in der Bonifatiuskirche für sich verbuchen. Etwa 700 Zuhörer ließen sich von der famos musizierten Chormusik und der kongenialen Ergänzung auf der Orgel durch Marina Sagorski zu allerhöchster Anerkennung bewegen. Beim ersten Titel, Otto Olssons Advent, wurde sogar intermittierend gespielt, und die Orgelintermezzi fügten sich wunderbar ein. Cantamus sang auch angesichts des enormen Publikums wie gewohnt mit unbeirrbarer Konzentration und musizierte mit kraftvoller Dynamik. Eine Stärke liegt in der Aufteilung in die Frauen- oder Männerstimmen. Die Männer boten Hans Leo Hasslers O Heiland, reiß die Himmel auf mit warmer Rundheit, exzellenter Verständlichkeit und Geschlossenheit dar – ein schönes Gefühl, dem lauschen zu können.

 

Generell zeichnet sich Cantamus durch Geschlossenheit und natürliche Verständlichkeit aus. Hinzu kommt ein ausgezeichnetes Gefühl für die Sprache und die Inhalte, was zu besonderer Prägnanz führt. Zudem entsteht eine unmittelbar spürbare Emotionalität, die die Zuhörer sofort anrührt. Pfeiffers subtile Präzision des Dirigats arbeitet alle Feinheiten klar heraus und zeichnet sich besonders durch genaueste, maßvolle Dynamik aus. Auf diese Weise ergab sich ein abwechslungsreicher Bogen, in dem jeder Titel seinen spezifischen Charakter offenbarte. Um Details brauchte man sich da keine Sorgen zu machen und konnte sich einfach der Musik widmen, ohne je an ihre Realisierung erinnert zu werden. Marina Sagorski, Propsteikantorin der Petrusgemeinde, spielte einige Orgelwerke. Sie musizierte Johann Sebastian Bachs Nun kommt der Helden Heiland (BWV 659) schön und ruhig mit perfektem Ausdruck und steigerte sich mit dem Finale aus Louis Viernes Sinfonie für Orgel. Machtvoll im Klang, dabei absolut durchhörbar und mit klug eingesetzter Vielfalt spielte sie nicht einfach routiniert, sondern gestaltete auch inhaltlich kundig; ein Glanzlicht. Pfeiffer nutzte die räumlichen Möglichkeiten und ließ Teile des Ensembles in verschiedenen Positionen musizieren. Auch vom Eingang her war die Verständlichkeit sehr gut, was auch an der versierten Einstellung auf den mächtigen Hall der Kirche lag. Das Glanzlicht des Abends war Alwin Schronens Entre le bœuf et l’âne gris. Mit geflüsterten Elementen vor strahlenden Flächen war’s sehr dramatisch, mit toller Vielschichtigkeit und schönen Bässen, was leider auch wegen der Akustik nicht häufig vorkam. Zum Abschluss ertönte Franz M. Herzogs O Jubel, o Freud sehr flott, mit tänzerischem Schwung. Jubel, Pfiffe, enormer Applaus, minutenlang anhaltend, zu Recht auch für Sagorski. In der Zugabe eine gestaffelte Aufstellung, was zu vorbildlicher Verständlichkeit und unwiderstehlicher Emotionalität führte: keine Süße, nur Kraft; herrlich. Herausragend der Rausschmeißer O du fröhliche: alle Sänger im Raum verteilt, größte Nähe zu den Hörern, zauberhaft.

 

Text: Heiner Schultz

Foto: Gotthard Nauditt

(mit freundlicher Genehmigung des Gießener Anzeigers)