Olympia der Chormusik in Riga

 

24 2 Riga Grand Prix of Nations L1570623 webVom 16. bis zum 23. Juli stand die lettische Hauptstadt Riga ganz im Zeichen der Musik, genauer gesagt der Chormusik. 27.000 Chorsänger aus aller Welt erlebten hier den Grand Prix of Nations und die European Choir Games unter dem Motto „Let’s sing in Riga 2017“. Mit von der Partie war der Riga-Projektchor des Kern’schen Männerchors aus Salmünster. Dabei sprühte die Hauptstadt Lettlands, in dem 10% der Bevölkerung selbst in Chören singt voller Energie, empfing ihre Gäste mit ausgesuchter Freundlichkeit. In Parks, auf den Straßen, in Konzertsälen, Kongresssälen und Aulen erklang vielseitige Chormusik. Hier sangen, summten, säuselten, jubelten, klagten oder lachten Sänger jeden Alters in harmonischem Chorklang. Dabei stellten die Chöre oftmals ihre eigenen Begleitorchester indem sie Hörner, Flöten, Bässe, Trommeln, Naturgewalten oder auch Tiere mit ihren Stimmen kunstvoll imitierten. Zudem betteten viele der Chöre ihre Auftritte in fantasievolle Choreografien ein, in denen die Sänger liefen, tanzten, sprangen, sich am Boden wälzten, zu Paaren und Gruppen fanden und wieder auseinander stoben um neue Formationen zu bilden.

 

In der riesigen Arena Rigas fand die Fernseh-Live-Übertragung des Grand Prix of Nations statt, die für alle, die dabei sein konnten, zu einem unauslöschlichen Erlebnis wurde.

 

Mit von der Partie waren neun Spitzen-Chöre: der Akademisk kor Århus aus Dänemark, der Béla Bartók Male Choir aus Ungarn, Carmen Manet aus Slowenien, Côr Merched Sir Gâr aus England, Girl’s Choir Spīgo aus Lettland, Hard-Chor aus Österreich, Jazzchor Freiburg aus Deutschland, Les Pastoureaux aus Belgien und The Estonian Television Girl’s Choir aus Estland. Sie demonstrierten die ganze Bandbreite der Chormusik. Unter ihnen waren traditionelle gemischte Chöre, ein Jungenchor, ein Männerchor, Mädchenchöre und ein Jazzchor.

 

Als Sieger des Jahres 2017 kürten die drei international bekannten Juroren, der englische Komponist und Chorleiter John Rutter, der Schweizer Dirigent Nicolas Fink und die Lettische Opernsängerin Elina Garanca den Chor „Carmen Manet“ aus Slowenien. Mit „Scarf“ hatten die Sängerinnen die ganze Bandbreite im Leben einer Frau portraitiert und mit „And so we dance in Resia“ brachten sie pure Energie auf die Bühne. Sie bereicherten ihren glockenhellen, reinen Gesang mit Tonproduktionen durch Klatschen und die Anmutung eines Drummers mit dem absolut synchronen Stampfen ihrer Füße.

 

In einer Parade der Nationen waren zuvor am Donnerstag zahllose Sänger singend durch die historische Altstadt Rigas zogen. Dabei demonstrierten die Sänger jeden Alters teils in ihrer Landestracht die völkerverbindende Kraft der Chormusik. Begleitet wurden sie von begeisterten Menschen am Straßenrand, die den Teilnehmern der Parade fröhlich zuwinkten. Im farbenfrohen Zug waren Sänger aus Belgien, Bulgarien, Brasilien, China, Dänemark, Deutschland, Estland, Färöer, Finnland, Griechenland, Großbritannien, Indonesien, Israel, Italien, Kanada, Kroatien, Lettland, Niederlande, Polen, Portugal, Russland, Republik Korea, Rumänien, Südafrika, Schweiz, Tschechien, Ungarn und USA.

 

Viele Chöre hatten neben ihren Auftritten ein Besichtigungsprogramm in ihren Lettland-Besuch eingebaut. So auch der Riga-Projektchor des Kern’schen Männerchors. An der Gutmanishöhle im Gauja-Nationalpark, an deren Sandsteinwänden jahrhundertealte Inschriften prangen, trafen die Sänger auf einen lettischen Saxophonisten. Der empfing den Chor aus Deutschland mit den Klängen von Johann Wolfgang von Goethes von Schubert vertontem „Sah ein Knab ein Röslein steh’n“ und der Projektchor stimmte spontan in das Lied ein. So warfen die Sandsteinwände den Klang des weltbekannten deutschen Liedes klangvoll in die lettische Landschaft.

 

Im Turaida Museumsreservat erläuterte die lettische Führerin ihren deutschen Gästen die Skulpturen von Bildhauer Indulis Ranka im Volksliederpark. Für die Letten und die Balten insgesamt liegt die Bewahrung der nationalen Identität in ihren Volksliedern und die wurden über die Jahrhunderte der Fremdherrschaft von den Frauen an die nachfolgenden Generationen weiter gegeben. Dieses Tun hat Indulis Ranka in seinen steinernen Skulpturen meisterhaft in Szene gesetzt.

 

Die Balten wissen um die befreiende Kraft der Musik. Schließlich hatten Esten und Letten mit Sängerfesten Ende des 20. Jahrhunderts zum Sturz der Sowjetdiktatur beigetragen.

 

Großartig inszeniert endeten die European Choir Games am Sonntagabend in der Arena in Rīga.

 

John Rutter, der heute als bedeutendster und populärster Komponist von Chor- und Kirchenmusik gilt, gehört seither dem Gremium der Künstlerischen Ehrenpräsidenten von Interkultur an, die den Grand Prix of Nations und die European Choir Games ausrichten. John Rutter machte in seiner Rede die Frieden schaffende und Völker verbindende Kraft der Musik ebenso deutlich, wie die Energie spendende Kraft des Singens für jeden Sänger persönlich. Weitere Ehrenpräsidenten sind Mikis Theodorakis, Morten Lauridsen, Professor Eric Ericson, Professor Zheng Xiaoying und Professor Yang Nongnian.

 

Die Idee der Veranstaltung von World Choir Games entspricht dem olympischen Ideal im Sport. Menschen und Völker, die durch Gesang verbunden sind, kommen auf friedliche Weise und im fairen Wettbewerb zu einander. Diese beflügelnde Kraft der Musik spürten auch die Sänger des Projektchors aus Salmünster, waren sie doch mittendrin und leibhaftig mit dabei.

 

Weil sich die Sänger 2019 im schwedischen Göteborg treffen, erklang während der Abschlussveranstaltung in Riga ein Abba-Medley. So feierten die Sänger tanzend Abschied in der voll besetzten Rīga Arena mit frohem Blick in die Zukunft.

 

Text und Fotos von Barbara Kruse